Patchworkfamilien

Teil 1: Probleme und Chancen in Patchworkfamilien

Das Internet und die Fachliteratur sind voller Tipps und Hinweise für uns, wenn wir beginnen, als neue Patchworkfamilie zusammenzuwachsen.

Leider sind die empfohlenen Hinweise wie Kooperation der Eltern, regelmäßiger Familienrat etc. in der Praxis oft nicht umsetzbar, scheitern am Ex-Partner oder der Ex-Partnerin, den Kindern, dem Umfeld, den eigenen Ansprüchen und Denkweisen.

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Einer der größten Stolpersteine, mit denen Patchworkfamilien anscheinend immer wieder konfrontiert sind, ist, sich selbst und die neue Familie als „nicht gleichwertig“ zu betrachten.

Oft haben Eltern das Gefühl, in ihrer Erstfamilie gescheitert zu sein und dass man neben denen, die es schaffen, ihre Kleinfamilie irgendwie zusammen zu halten, nur wie ein müder Abklatsch einer Familie wirkt, ein Zweitversuch, in dem alles nochmal komplizierter ist als vorher.

Meine persönliche Patchwork-Erfahrung

Ich persönlich komme aus und lebe jetzt in einer Patchworkfamilie. Mit dem Umweg über die Kleinfamilie.

In meiner Tätigkeit als Systemische Therapeutin mit Eltern und Familien erlebe ich mich mit einem doppelten Blick: zum einen fachlich und zum andern durch meine persönliche Erfahrung mit dem Thema Patchwork.

Meine Gedanken und Erkenntnisse aus Beruf und Privatem sollen euch als hilfreiche Unterstützung dienen auf eurem Weg in eine gelingende Patchworkfamilie.

Mittelalter vs. Moderne

Die Psychologie hat eine Antwort darauf, warum das so ist. Seit dem Mittelalter gilt die Kleinfamilie bestehend aus Mutter, Vater, Kind(ern) als Ideal. Es machte Sinn, wirtschaftlich und finanziell zusammen zu bleiben und – gerade als Frau mit deutlich weniger Rechten und Chancen als Männer- abgesichert und versorgt zu sein.

„Bis dass der Tod uns …“

Die Kirche unterstützte diese Haltung durch die Unauflösbarkeit der Ehe und somit wurde unweigerlich über Jahrhunderte hinweg das Ideal der Familie geprägt. Widersinnig war aber, dass Patchworkfamilien aber auch damals keine Seltenheit waren, oft war der Grund ein verstorbenes Elternteil, so dass sich die Hinterbliebenen wieder neu zusammenfinden mussten.

Unsere inneren Bilder von Familie

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So ist bis in die heutige Zeit unser Bild von Familie (und neu hinzukommend) romantischer Liebe zwischen Paaren entstand und wir alle tragen es wissentlich oder unwissentlich in uns.

Wir versuchen, dem nachzueifern, viele Kompromisse einzugehen, um es zu erreichen oder zu halten und fühlen uns schwer gescheitert, wenn wir eines Tages feststellen, dass wir nur noch eine Farce leben, dass wir so nicht weitermachen können, dass der Traum von Familie möglicherweise schon längst ein Alptraum geworden ist.

Familien nach der Trennung

Es ist unbestritten, dass die Trennung einer Familie für alle Beteiligten Verlust und Schmerz bedeutet. Es ist klar, dass die entstandenen Wunden erst mal heilen müssen, Ängste (gerade kindliche Ängste) bearbeitet werden müssen, man sich neu finden muss.

Familie ≠ Patchworkfamilie

Wenn dann eine neue Partnerschaft beginnt und Patchwork entsteht, ist man oft beseelt und von dem Wunsch getragen, diesmal wird es klappen und alles möge gut werden.

Was uns nicht klar ist: Oft versuchen wir, dem Ideal der oben beschriebenen Kleinfamilie wieder nachzueifern. Sie genauso aufzubauen, wie eine „klassische“ Familie funktioniert und die gleichen Regeln anzuwenden.

Das ist aber zum scheitern verurteilt!

Patchworkfamilien sind komplex

Denn eine Patchworkfamilie ist eben nicht dasselbe wie eine Familie 2.0, sie ist etwas Neues, Aufregendes und mit ihrem ganz eigenen Potenzial. Sie ist aber eben nicht der zweite Versuch, sondern ein neuer Anfang. Mit hoher Komplexität, auf die wir nicht immer vorbereitet sind.

Die unterschiedlichen Beziehungsebenen

An einem Beispiel verdeutlicht: in einer Kleinfamilie mit einem Kind haben wir vier verschiedene Beziehungsebenen:

  • die des Elternpaars untereinander
  • die Beziehung des Elternteils zum Kind
  • und das Gesamtsystem der Dreierfamilie

In einer Patchworkfamilie haben wir mehr als doppelt (!) so viele Beziehungsebenen. Allein das macht unser Zusammenleben und -wachsen zu einer Herausforderung.

Neue Patchworkfamilie, neue Ideale

Wir mögen aus unseren Fehlern lernen, aber wir nehmen unsere Ideale mit in die neue Beziehung, in die neue Familie. Immer wieder den Fokus auf den Verlust legen zu müssen, immer das Gefühl zu haben, als Familie nicht gut genug zu sein, macht etwas mit jedem von uns.

Man kann nicht steuern, auf welche Vorstellungen und inneren Bilder von Familie man bei anderen Leuten treffen wird. Aber ihr könnt verhindern, dass die Ideale anderer eure Familie in ihrem Wachstum beeinträchtigen.

Familienideale hinterfragen

Insofern möchte ich euch dazu ermutigen, eure eigenen Ideale in Bezug auf „wie eine Familie sein sollte“ einmal zu hinterfragen und auf den Prüfstand zu stellen.

Behaltet, was gut oder erstrebenswert ist und werft die hinderlichen Glaubenssätze über Bord.

Kinder wachsen nicht an klassischen Familienkonstellationen, sie wachsen an heilen Beziehungen.

Vorschau nächster Monat

Lest gerne auch nächsten Monat wieder mit, wenn es um das Thema „Wenn die Kinder kommen und gehen- sensible Momente bei Hol- und Bringsituationen in Patchworkfamilien“ geht.